Das Ensemble setzt unter der Regie von Ronny Jakubaschk die Figuren unprätentiös und gradlinig in Szene. Mit darstellerischer Geschlossenheit auf hohem Niveau wird das Drama der schockierenden Leerstelle entgegengetrieben: dass der Täter für uns ungreifbar bleibt.

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Auch im Stück des Leipziger Theaters der Jungen Welt sind im Prinzip alle kaputt: Übergewicht, Drogen, Hemmungen, Frust, Aggression bestimmen das Leben der vier Schüler und ihres Lehrers. Im Hintergrund meldet sich immer wieder ein mysteriöser Radiosprecher. Gleich, nämlich »2 Uhr 14«, wird alles zu Ende sein. Wir sehen fünf mit Kreide gezeichnete Konturen am Boden, ein Tatort. Einer im Hintergrund hat geschossen. Über seine Motive erfahren wir nichts – wir tauchen ein in das Leben der Opfer vor der Tat. Und entdecken dessen schräge Schönheit, Zukunftsfreude, die jäh ausgelöscht wurde. Eine wilde, atemlose Inszenierung, die sich dem Zuschauer vertrauensvoll öffnet; ihn zur Wahrnehmung seiner Mitmenschen ermutigt. Sie lebt von Schauspiel-, von Ensemblekunst und von der genauen, liebevollen Zeichnung der Figuren. So kommt sie ohne die gegenwärtig modisch inflationierte Kamera samt Videoleinwand aus. Ein Plädoyer für das Leben, gegen jede Art seines gewaltsamen Endes.

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Die Handlung fliegt dahin in spielerischen Miniaturen, die sich zu einem Mosaik verfügen. Zeit, Raum, Logik hat dabei etwas irritierend Flüchtiges. Und so realistisch im Jargon die Dialoge klingen, so jenseitig traumhaft mutet mitunter die Atmosphäre an, in die sie sich betten. Das ist gelungen. Auch darstellerisch. Jakubaschks Inszenierung punktet als dichtes, stimmiges Ensemblespiel, solistische Höhenflüge inklusive.

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Anstatt psychologisierend zu analysieren, blickt man tief in die Seelen der Jugendlichen. Francois leidet, weil er nicht verstehen kann, wie er sich in eine 60 Jahre ältere Frau verlieben konnte. Chad will dringend überschüssiges Fett loswerden, um endlich dazuzugehören. Jede Figur erfüllt ein Klischee: das dicke Mädchen, der Kiffer, der Musterschüler. Sie überreizen diese Klischees jedoch, allen voran der genervte Lehrer, der seine Schüler im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr riechen kann. Und sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Obwohlsie nicht wissen, dass sie in ein paar Stunden sterben werden, jagen sie dem Glück hinterher, versuchen ihr Leben zu ändern. Das hat etwas Pädagogisches, wie ein Rat an die Melancholie der Jugend, sich nicht ziellos durch den Alltag treiben zu lassen, sondern die Dinge in die Hand zu nehmen. Das ist schön und so witzig und skurril, dass das Stück trotz dieser direkten Botschaft nicht zum Lehrstück mutiert.Am Ende verlässt man gut unterhalten und gleichzeitig erschüttert den Saal. Das, was der Welt durch den Tod der jungen Menschen verloren geht, ist umso deutlicher geworden.

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Wie in einer großen Versuchsanordnung loten die Beteiligten die Untiefen des Lebens aus. Die Persönlichkeiten der Protagonisten treten Stück für Stück zutage. Die ganze Zeit über irrlichtert zwischen ihnen eine Gestalt über das Spielfeld, die bei aller Randständigkeit ebenfalls langsam an Kontur gewinnt, je mehr das Geschehen seinem Höhepunkt zustrebt, diesem ominösen Ereignis, das um 2 Uhr 14 stattfinden wird, dem absoluten Endpunkt alles bisher Gewesenen. Diese Gestalt, deren Schmerz sich nach und nach offenbart, ist die Mutter von Charles, der Stimme aus dem Off. Die Mutter desjenigen, der um 2 Uhr 14 fünf Leben auslöscht, die gerade begonnen haben, Konturen anzunehmen. Gerade, als sinnhafte Zusammenhänge und Bezüge entstehen, ist alles plötzlich und unbegreifbar zu Ende. Ohne jede Erklärung. Denn es geht in diesem Stück nicht darum, den Amoklauf begreifbar zu machen. Sondern darum, den schreckstarren Blick vom Täter abzuwenden. Die Tat dient hier als Kontrapunkt zum Leben, die in krassem Kontrast erst den unschätzbaren Wert dessen erkennen lässt, was sie vernichtet. Der sinnlose Tod ist somit ein radikales Bekenntnis zum Sinn des Lebens.

Regisseur Ronny Jakubaschk hat mit seiner ersten Regiearbeit für das Theater der Jungen Welt diesen Stoff um die klassischen Konflikte des Heranwachsens packend umgesetzt und dabei symbolisch anschauliche Bilder für die manchmal surrealen Lebenswirklichkeiten Jugendlicher gefunden. Das klare Bühnenbild von Vera Koch unterstützt die Inszenierung in ihrer Dynamik und sprechenden Bildlichkeit. Ein Stück, das viele Angebote für anregende Auseinandersetzungen bereithält.

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Der Regisseur Ronny Jakubaschk überzeugt mit einem Stück des Franzosen David Paquet. „2 Uhr 14" zeigt Lebenswelten von Schülern und Lehrern. Mit Humor wird nicht gegeizt. Damit werden die Gründe für einen Amoklauf – gänzlich ohne theoretische Diskurse – plastisch erfahrbar. (...) So realistisch und hart das alles klingt, so sehr riecht der Stoff nach Sozialpädagogik, nach Schülertheater und nach moralischem Zeigefinger. Umso größer ist der Verdienst des Regisseurs Ronny Jakubaschk und der hinreißenden Schauspieler. (...) Hier wird ernstzunehmendes Theater geboten. Die Inszenierung arbeitet mit wohltuend wenigen Requisiten. Ein paar Turnmatten, prägnante Kleidung, eine über alles thronende Radiostation und die schon am Anfanggezeichneten Kreideleichen auf dem Fußboden reichen völlig aus. Das Stück holt zwar alle Brennpunkte auf die Bühne und benennt die tief im Sozial- und Schulsystem verwurzelten Probleme. Es weiß aber vorallem auch mit einer gehörigen Portion Witz und kurzen Momenten stiller Poesie zu überzeugen. (...)  Manchmal überzeichnet das Stück so grotesk, dass hier jedes Potential an Ernsthaftigkeit mit einem grinsenden Funken auf den Diskurstisch zu schlüpfen vermag. (...) Das Unvorstellbare des abschließenden Amoklaufes bekommt eine Plausibilität. (...) Das Stück referiert keine Gewaltdiskurse, es zieht sich nicht in die Bequemlichkeit des Mahners zurück, es stellt die Opfer der Verhältnisse nicht bloß, es weiß selbst keine Antwort. Und dennoch glaubt man plötzlich ganz intuitiv die Gründe für Amokläufe verstanden zu haben. Das ist groß. (...) Das Theater der Jungen Welt ist mit diesem gelungenen Stück ganz bei sich, zeigt seine DNA, seine Ausrichtung. Ernsthaft, kritisch, humorvoll, menschlich, poetisch. Für alle, die sich noch mit der Realität ernsthaft auseinandersetzen wollen. Kompliment. 

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Dieser Abend ist anders. Bühnenbildnerin Vera Koch hat den Zuschauerraum in eine Theater-Arena verwandelt. Ein langer, grüner Steg durchzieht den Raum. Auf dem Boden sind die weißen Umrisse menschlicher Körper gemalt, wie wir sie aus dem Krimi kennen. An die Seiten und an ein Ende der Spielfläche grenzen kleine Tribünen. Das andere Ende mündet in eine Quarterpipe, deren Plattform durch Spinds begrenzt wird, aus denen die Akteure die Bühne betreten. Über den Schränken thront ein Radio-Studio, aus dem der Amokläufer seine Opfer beobachtet.

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