Keine brüllenden Wutbürger, sondern scharf artikulierende Schauspieler. Keine Straße mit Demonstrationszügen und ausländerfeindlichen Plakaten, sondern ein ödes, bürgerliches Wohnzimmer. Obwohl in Philipp Löhles Stück die Parallelen zu den derzeitigen "Pegida"-Kampagnen und Demonstrationen auf der Hand liegen, hat Ronny Jakubaschk "Wir sind keine Barbaren!" genau ohne diese Parallelen inszeniert: als rasante Spirale von Vorurteilen zwar, aber ohne das allzu Offensichtliche zu zeigen. Und das bekommt der 90 Minuten kurzen Aufführung gut.
In der kleinen Spielstätte des Neuen Theaters, der "Kammer", hat Annegret Riediger (Bühne und Kostüme) in den roten Guckkasten eine grotesk wuchernde Schrankwand-Landschaft gebaut, in der auch Platz für den Kühlschrank und zwei Klappsitze ist. Hoch oben zeigt ein reizendes Eheglück-Foto, in wessen Wohnung man sich gerade befindet.
Doch den Anfang macht der "Heimatchor" mit einem immer wiederholten "Hier sind wir", "Wir sind viele" in einem skandierenden Singsang. Damit scheinen Ton und Thema vorgegeben, doch Stück und Inszenierung kehren erstmal zu verkrampft-humorvoller Bürgerlichkeit zurück. Da machen Mario und Barbara ziemlich fad auf nett und aufgeschlossen, die neuen Nachbarn Paul und Linda, die bald dazukommen, tun beim Prosecco dasselbe. Das ergibt ein steif-gestelztes Normalo-Leben, begleitet von elektronischen Orgelklängen wie im Partykeller. Der Abend kommt zunächst also ganz als das nette Konversations-Stück daher, das Löhles Werk ja auch ist. Es hat eine unterschwellige Gereiztheit, lahmt aber auch ein bisschen. Erst mit dem Klopfen eines Fremden (der aber nie auftritt) kommt Rasanz und Schärfe auf.
Denn dann klären sich, fürs Erste, rasch die Fronten: Mario und Barbara nehmen den Fremden auf und sind die "Gutmenschen". Paul und Linda haben ihm die Tür gewiesen und rechtfertigen sich mit aufgesammelten Parolen und Voreingenommenheit. Hier nimmt die Inszenierung Fahrt auf, werden die Vorurteile auf beiden Seiten immer höher aufgestapelt und durch den "Heimatchor" noch mal zugespitzt. Inspiriert wurde Löhles durch die Abschottungsinitiative der Schweiz gegen Ausländer, die inzwischen von den "Pegida"-Kampagnen auf deutschen Straßen rechts überholt worden ist. Doch Jakubaschk ist klug genug, das nicht auf die Bühne zu holen. Er schreibt dem Zuschauer nicht vor, was er zu denken und zu assoziieren hat, auch wenn der Chor mit seinen Parolen (die vier Protagonisten und vier Schauspieler in ähnlichen Kostümen) immer weiter in die rechte Ecke rückt.
Doch über diesem (Haupt-)Thema vergisst der Regisseur in seiner meist stringenten Inszenierung nicht, auch die Geschichte der beiden Paare weiterzuerzählen: Barbaras verkniffene Freude über den Riesen-Fernseher, den Mario eher sich selbst geschenkt hat. Die ständig krittelnde Fitnesstrainerin Linda, die unverhohlen Interesse an dem fremden Mann zeigt, was in kreischendes "Frauen-Gespräch" mündet, während die Kerle sich kumpelhaft einig sind und sich abklatschen. Die Fronten verschieben sich immer wieder. Aus Verbündeten werden Feinde, man giftet sich an oder ist plötzlich einig mit dem, dessen Meinung man gerade noch vehement abgelehnt hat.
Die weiteste Entwicklung macht dabei Mario durch, von Matthias Walter eindrücklich gespielt: Aus dem anfangs noch verklemmt-unterwürfigen Typen wird am Ende ein rabiater, phrasendreschender Wut-Bürger, der durch nichts mehr zu bändigen ist. Der Heimatchor dagegen bleibt immer kühl, immer präzise, scharf geschliffen, auch wenn seine Parolen von der Angst um Wohlstand und Sicherheit, von Zivilisation und Regeln, von "uns und denen" zunehmend Gänsehaut erzeugen. Am Ende klingen in das "Wir"-Gefasel hallende Marschtritte. Das wäre ein bedrückender, prägnanter Schluss gewesen. Doch es gibt noch einen netten Nachklapp mit Paul und Linda, die nun ihrerseits bei Prosecco auf neue Nachbarn warten – und das ganze Spiel beginnt von vorne.
nachtkritik

Schon wohltuend reflektiert nimmt sich dagegen ein Stück wie Philipp Löhles „Wir sind keine Barbaren“ aus, das in der Regie von Ronny Jakubaschk am Neuen Theater Halle zur Premiere gekommen ist und ebenfalls bei den Autorentheatertagen in Berlin zu sehen war. Löhle erzählt von zwei Paaren im Spießerheim mit Schrankwand, denen ein Flüchtling ins Haus schneit, den man nie zu Gesicht bekommt. Er ist nur Projektionsfigur für die irren Ängste und Vorurteile, mit denen wir mehrheitlich unterwegs sind. Nicht um den Anderen, Fremden geht es. Sondern um unseren Umgang mit ihm.
tagesspiegel

Ronny Jakubaschk macht seine Sache auch sehr gut, weil er – und das ist ja oftmals das ganz schwere – gar nicht viel macht, extra macht, dazu erfindet. Er nimmt den Text, der sehr gut ist, und vertraut ihn den Schauspielern an. Er aktualisiert ihn also NICHT. Das wäre ja hier die Gefahr, dass man zum Beispiel beim Chor ein paar Pegida-Parolen einbaut. Im Gegenteil: er vermeidet aktuelle Bezüge, inszeniert das Stück wie eine amerikanische Fernsehserie. Er gibt den Dialogen einen extrem schnellen Rhythmus. 
Ein gelungener Abend und die Schauspieler, also die 4 Protagonisten und auch der Chor machen ihre Sache überzeugend, finden schöne Farben und Details für ihre Figuren, das Publikum hat gestern über die Macken der Figuren sehr gelacht, befreit gelacht. In dieser schlimmen Zeit ist es auch ganz gut dem ganzen Ernst des Themas etwas witzig-entlarvendes entgegenzusetzen das ist souverän gemacht, kurzweilig – man kann sich das gut ansehen!
mdr figaro


Ronny Jakubaschk inszeniert die scharfzüngigen Dialoge als Salonstück, das Dank seiner vier starken Darsteller für viel Lachmuskeltraining sorgt. Löhles Wortwitz ergänzt der Regisseur mit etwas Slapstick. Das Resultat ist eine bissige Polit-Sitcom im Wohnzimmer des deutschen Kleinbürgertums. Das Quartett auf der Bühne kämpft. Jeder für sich. Alle gegen alle. Null Dialogbereitschaft. Haben sich die Figuren einmal positioniert, rückt keiner auch nur einen Deut von seinem festgefahrenen Standpunkt ab. Das Verhalten erinnert an die tausenden Demonstranten, die sich in den letzten Wochen in Dresden und anderswo Gehör verschafft, aber mit etablierten Politikern und Medien wenn überhaupt, dann nur widerwillig Worte gewechselt haben. 
Löhle verbindet die losen Szenen mit Chören. Wütende Mitmenschen, die in rhtythmischen Gesängen als moderne Barbaren diffuse Ängste und Nöte artikulieren. Jakubaschk greift nicht auf Laien zurück, die montags für Pegida auf die Straßen gehen. Die Darsteller bilden den Heimatchor gemeinsam mit weiteren Ensemblemitgliedern. Die Chöre erschallen als durchdringende Schlachtrufe, die dem Zuschauer im Gedächtnis hängen bleiben.
leipziger internetzeitung

 

Regisseur Ronny Jakubaschk ist es mit seiner Inszenierung gelungen, die Zuschauer emotional zu berühren und in die Gefühlswelt des sogenannten Bildungsbürgertums hineinzuziehen. Wird zu Beginn der Vorstellung noch häufig gelacht, versiegt die Fröhlichkeit sichtlich mit Fortschreiten der Handlung und Betroffenheit macht sich breit. Bühnenbild und Kostüme von Annegret Riediger als Gast unterstreichen das Geschehen auf der Bühne auf angenehme und pointierte Weise. Die Schauspieler der beiden Paare – Stella Hilb und Alexander Gamnitzer als Barbara und Marion sowie Sonja Isemer und Matthias Walter als Linda und Paul – verkörpern überzeugend die Gefühlswelt und die Verhaltensregeln der heutigen Mittelklasse. Der Heimatchor, teils mit Schauspielern des Ensembles, teils mit Schauspielern vom Studio besetzt, bildet das feste Korsett, aus dem das Ausbrechen fast unmöglich ist. Ein sehenswertes Stück.
saalereporter 

 

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