Das war so nicht zu erwarten: dass es ein über weite Strecken recht heiterer Abend werden würde. Wenn ein Stück "Djihad Paradise" heißt, liegt eigentlich – darf man so sagen? – mehr Sprengstoff in der Luft. Und eine Portion Angst vor zu viel Pädagogik. Aber es ist gut so. Vielleicht ist das sogar der einzige Weg, diese Geschichte – basierend auf dem erfolgreichen Jugendbuch von Anna Kuschnarowa – über zwei deutsche Jugendliche, die zu Gotteskriegern werden, auf der Bühne zu erzählen: Als Adoleszenz-Geschichte mit ernsten wie komischen Momenten, als weitgehend undidaktisches Roadmovie, Wolfgang Herrndorfs "Tschick" durchaus verwandt.
Regisseur Ronny Jakubaschk schwelgt lustvoll in den Klischees der verschiedenen Welten. Alles leicht überzeichnet, in Spiel und Kostüm und Ausstattung dosiert auf Pointe getrimmt. Wie auch die verschiedenen Sprachebenen.
Die Bühne dreht sich von einem Handlungsort zum nächsten, und mit jedem kommt das Ungeheuerliche näher. Die Kunst der Inszenierung besteht darin, dass alle Beteiligten auf diesem Weg karikiert werden, was zu anfangs erwähnter Komik führt. Julians Hartz-IV-Vater ebenso wie Romeas Helikopter-Eltern, die Salafisten, die das Liebespaar in den Strudel des Fanatismus hineinziehen ebenso wie die zahlreichen Statisten, die ihnen am Wegesrand begegnen. Das vermeidet falsches Mitleid und simple Schuldzuweisungen, denn erstens steht fest, was nicht entschuldbar ist, und zweitens ist eine solche Radikalisierung mit menschlichem Ermessen ohnehin nicht nachzuvollziehen. Zwei 16jährige, die in den Heiligen Krieg gegen ihre Heimat ziehen? Ja, gibt es, aber kann man auf einer Theaterbühne wirklich erklären, woher solcher Hass kommt? Nach dem Motto "schwere Kindheit führt zu Extremismus"? Eher nicht.
Raffiniert ist die Idee, dass einige Schauspieler jeweils mehrere Rollen spielen. Romeas Eltern etwa tauchen als der Imam und die Muslima Shirin wieder auf, bei denen Romea nach der Flucht von ihren Eltern in der Moschee unterkommt, und werden dadurch quasi zu ihrer Ersatzfamilie. Was Romeas Hinwendung zum Islam etwas glaubwürdiger macht. Dito bei Julian, der derart in Alexandria seinen Vater wiedertrifft – als Koran-Lehrer. Wenn das Stück eine Botschaft vermitteln will, dann findet sie sich – relativ unauffällig – darin: kümmert euch selbst und überlasst die Jugend nicht den falschen Kümmerern! Und glaubt, wie Romea, nicht alles, was man euch aufschwatzt. Sie ist das pädagogische Medium der Inszenierung, bleibt immer kritisch, studiert den Koran, erkennt ihren Irrweg eher als Julian. Deutlich hebt sie hervor – ohne plump zu belehren – wo Glauben aufhört und Blindheit beginnt. Ebenso klar distanziert sie sich von Intoleranz und Rassismus. Alles eine Frage der Bildung? Ja. In Halle kann man sich das erschließen, überstrapaziert wird es glücklicherweise nicht. Julian (Paul Simon) ist nicht als unsympathischer Loser und Bösewicht angelegt, Romea (Marie Scharf) nicht als Gutmensch und Retterin.
Zum Ende hin dreht sich die Bühne immer öfter, immer schneller. Alles dreht sich! Romea kehrt zurück zu ihren Eltern, Julian wird zum Dschihadisten ausgebildet. Er bekommt einen Auftrag, sie erfährt davon. Er ist bereit zu sterben, sie will es verhindern. Zu spät. Noch zehn Sekunden. Nach dem Knall ist Schluss. Zeit zum Nachdenken
nachtkritik 

Wem würde man es eher zutrauen, zu einem islamistischen Gotteskrieger zu werden, dem Sohn eines trinkenden Hartz-IV-Empfängers oder der Tochter einer gut situierten Akademikerfamilie? Die einfache Antwort ist falsch; beide können auf diese Bahn geraten. Wie so etwas im Grunde Unvorstellbares geschehen kann, darum geht es in „Djihad Paradise“, einem Stück nach Anna Kuschnarowas gleichnamigen Erfolgsroman, uraufgeführt am Samstag im Thalia Theater.
Es ist die Geschichte vom Romea und Julian, und wie bei Shakespeare nimmt sie kein gutes Ende. Die beiden 16-Jährigen verlieben sich, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Er ein Sitzenbleiber und Drogendealer, einer, der nichts auf die Reihe bekommt. Sie von ihren Karriere-Eltern mit Chinesisch-Kurs und Reiten und dauerndem Leistungsdruck förmlich erdrückt. Zusammen geraten sie in die Fänge salafistischer Fanatiker. Am Ende wird Julian, nun Abdel genannt, mit einem Sprengstoffgürtel vor einem Berliner Einkaufszentrum stehen und die letzten zehn Sekunden vor dem Anschlag herunterzählen.
Über weite Strecken ist Ronny Jakubaschks Inszenierung dennoch überraschend heiter. Lustvoll überzeichnet sie die Klischees der Welten, die hier aufeinandertreffen. Niemand wird geschont: Julians Vater ebenso wenig wie Romeas Helikopter-Eltern. In den Szenen mit ihnen wird besonders viel gelacht, vielleicht ja, weil diese Mittelstands-Sorgen manch einem bekannt vorkommen.
Spiel und Kostüm und Ausstattung sind dosiert auf Pointen getrimmt. Die Salafisten, die das Liebespaar in den Strudel hineinziehen, ebenso wie die zahlreichen Personen, die Romea und Julian auf ihrem Weg begegnen.
Die Inszenierung vermeidet falsches Mitleid und simple Schuldzuweisungen. Julian (Paul Simon) ist nicht als unsympathischer Loser und Bösewicht angelegt, und Romea (Marie Scharf), die irgendwann ihren Irrweg erkennt, nicht als Gutmensch und Retterin. Sie ist das pädagogische Medium der Geschichte. Sie bleibt immer kritisch, studiert den Koran, erkennt, wo Glauben aufhört und Terror beginnt. Glücklicherweise geschieht auch das wohl dosiert, organisch versteckt in der mitreißenden, bitterbösen Liebesgeschichte zwischen ihr und Julian.
mitteldeutsche zeitung

Wenn das mal keinen Ärger gibt: Am Neuen Theater in Halle läuft seit einigen Tagen ein Theaterstück, bei dem Terroristen die Hauptrolle spielen. In "Djihad Paradise" geht es um die Bekehrung eines jungen Deutschen, der für seinen Glauben zum Attentäter wird.
„Djihad Paradise“ ist ein mutiges Theaterstück. Wie ticken Gotteskrieger und wie werden junge Menschen dazu? Ein komplexes Thema. Fast zu komplex für zwei Stunden Theater. Aber dank der Darsteller und der schlanken Inszenierung hat man nach dem intensiven Stück das Gefühl, tatsächlich Antworten auf die Ausgangsfragen geliefert bekommen zu haben.
mdr radio sputnik

 

Zwei Teenager, die da nach einem Sinn für ihr Leben suchen?! Ist das nicht etwas platt? Und allzu pädagogisch vielleicht? – Und wie kommt das dann auf die Bühne?
Der Regisseur ist da sehr geschickt und wohl auch geübt – Stichwort „Tschick“, denn er inszeniert das wie ein Roadmovie: also wie ein Bilderbogen mit kurzen, knackigen Dialogen – das passiert hier ganz schnell über eine Drehbühne, die einen schnellen Szenenwechsel ermöglicht – Und diese Szenen sind dann auch alles andere als naturalistisch dargestellt:
Es ist ja ein Stück mit vielen Personen in den Nebenrollen: Eltern, Koranlehrer, Drogendealer, Gotteskrieger – Da muss man sich auch schnell umziehen – und der Regisseur zeigt seine Figuren ganz deutlich: als verkleidete Schauspieler. Die Bärte sind mit Gummiband umgehängt – beispielsweise – Unter dem Sakko des Ober-Salafisten aus der Bruderschaft – sieht man die Hose des Architektenvaters.
Da kommt also auch Ironie ins Spiel – Und weil die Ästhetik hier so zugespitzt und übertrieben daherkommt – Ist das mit den Klischees halb so schlimm – im Gegenteil: durchaus passend.

Und das klingt auch so, als wäre das sehr kurzweilig – Lachen die Leute?
Ja. Das mit den Bärten ist schon witzig – und die Zuschauer bleiben dran – Es sind gut zwei Stunden – mit Pause – das ist schon ganz ordentlich –
Übrigens - noch eine Sache: diese Klischees – hier der Alkoholikervater, der völlig versagt – Dort der Koranlehrer, der die neue Richtung gibt – Beide Rollen vom selben Schauspieler gespielt, den man ganz deutlich unter der Verkleidung erkennt.
Das ist dann schnell wie zwei Seiten einer Medaille – Oder so etwas wie: Realität und Wunschtraum – Und bringt hier eine schöne zweite Ebene ins Spiel zum Thema: Vorbilder also die ganze Inszenierung ist wirklich gut gearbeitet – hat Tempo, Witz – der Regisseur Jonny Jakubaschk beherrscht souverän seine Mittel – und die Schauspieler – gerade auch die beiden Hauptdarsteller Paul Simon und Marie Scharf, die beide noch in der Ausbildung am Studio sind, machen eine gute Figur.

Schlägt sich die Inszenierung am Ende pädagogisch auf eine Seite – unterteilt in gut und böse?
Macht sie nicht – auch das ist die richtige Entscheidung hier – Der Vorhang also zu und alle Fragen offen – wobei: Die Dramaturgie des Abends: Vor der Pause geht es um die Anziehung kraft des Islam – Nach der Pause dann um eine Kritik des – ja – Islamismus – Wenn sich das also fundamental über das ganze Leben legt – Mit dem Selbstmordattentat am Ende, daß hier nahegelegt und angedeutet wird – Da gibt es schon so eine Art Meta-Botschaft nach dem Motto: Guckt Euch die Sache an, guckt aber auch hinter die Fassade!!
mdr kultur

nathan

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