Aber klassisch heißt ja nicht notwendigerweise konventionell. Bedeutet nicht weniger Spannung. Meint nicht, den "Faust" nachbuchstabieren.

Das ist der Trierer "Faust" im Grunde: ein Traum, ein Nachtmahr, ein Rausch, eine Kopfgeburt, und, ja, auch das, ein ziemlich mieser LSD-Trip, denn obwohl der lebensüberdrüssige Faust die braune Flüssigkeit aus der Phiole sofort wieder ausspuckt, müssen wohl doch ein paar Tropfen auf der Zunge haftengeblieben sein.

Zu Beginn sehen wir den Kopf dieses Heinrich Faust, überlebensgroß auf eine Leinwand projiziert, den sich der Faust in Fleisch und Blut minutenlang anschaut, ehe er zu einer Kurzversion seines Eingangsmonologs anhebt. Auftritt Erdgeist, Pudel und Mephisto – es geht alles rasend schnell in diesem Traum. Dann hebt sich die Leinwand, und wir sind mitten drin in Fausts Schädel, in seinem Kopf, in seiner Gedankenwelt: ein Stahlgerüst mit angedeutetem Gesicht und halbem Ohr, das gleichzeitig ein ewig kreisendes Jahrmarktskarussell mit blinkenden Lichtern und überdimensionaler Lichterkrone ist; eine Krone, deren kleinere Version sich Faust vom Kopf des Herrn klaut, der sich fortan mit einer roten Clownsnase begnügen muss.

Bei diesem Faust wohnen die Seelen, ach, nicht in seiner Brust, sondern im Kopf, und es sind nicht nur zwei, sondern gleich acht Gestalten. Sie klettern durch seine Ganglien, trampeln auf seinen Synapsen herum, fallen ihm ins Wort, klauen ihm seinen Text, soufflieren ihm oder machen sich über ihn lustig, wenn ihm bei der ersten Begegnung mit Gretchen die Worte fehlen. Und bis auf Gretchen sind die sieben alle Alter Egos der Hauptfigur: ebenso gekleidet wie er, egal ob Gott oder Teufel, ob Engel oder Erdgeist.

Besser, man hat seinen "Faust" parat

Jakubaschk reduziert also den archaischen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen auf den inneren Konflikt eines Zweifelnden und Unzufriedenen, macht aus dem Himmel- und Höllenspiel ein Kammerspiel im Hirn eines verunsicherten und vom Leben angeödeten Gelehrten. Da wirbeln dann auch schon mal die Textzeilen durcheinander, werden nicht von den Figuren gesprochen, denen sie ursprünglich zugedacht waren, und wer versucht, mithilfe der Zeilen dem vertrauten Handlungspfad zu folgen, läuft Gefahr, sich im Wortdickicht zu verirren. Da wär's gut, wenn jeder im Zuschauerraum seinen Faust parat hätte.

Die großen Probleme und Fragen, die Goethe seiner Figur aufhalst, streift er nur im Vorübergehen; er hat genug damit zu tun, die Dämonen in seinem Kopf zu bändigen. Dass er sich auf Leben und Tod in ein vierzehnjähriges Mädchen verliebt, mag man ihm dagegen nicht so recht abkaufen: Trotz wilder Knutscherei bleibt er seltsam distanziert. Ganz im Gegensatz zu Gina Hallers Gretchen, die sich mit Inbrunst in den Liebeswahn und ins Verderben fallen lässt:Anrührend und erschreckend gleichermaßen entblößt sie ihr gebrochenes Herz.

André Meyer, der vom Wiener Burgtheater nach Trier gekommen ist und hier mit Mephisto seinen Einstand gibt, ist ein bulliger Teufel, vom Typ her mehr Türsteher als geschickter Manipulator, der aus seiner Geringschätzung für seinen Zögling kein Geheimnis macht und sein Ziel statt mit diabolischer Verschlagenheit eher mit Brachialgewalt durchzusetzen versteht. Er ist und bleibt natürlich auch hier derjenige, der alle Fäden in der Hand hat und sie nach Gutdünken zieht. Denn Julian Michael Boines Herrgott gerät die Kontrolle seiner Schöpfung und Geschöpfe ziemlich schnell aus den Händen und hat dann nicht mehr viel zu melden. Claudio Gatzke, Nadia Migdal, Ronja Oppelt, Gitte Reppin und Juliane Lang teilten sich die restlichen 23 Rollen von Marthe Schwerdtlein bis zu den Engeln, Erzengeln und Erdgeist: kommentierend, persiflierend, irritierend.

In den freundlichen-verhaltenen Schlussapplaus wurden auch Ronny Jakubaschk und sein Regieteam mit einbezogen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Spielzeit hätte man zumindest ein paar verschämte Buhs erwartet. Bislang nämlich waren die Trierer Zuschauer nicht gerade als Fans radikaler Stück-Dekonstruktion bekannt.

nachtkritik

 

An der Bühnenrampe steht Faust vor der überlebensgroßen Projektion seines Kopfes und hat begriffen, was der moderne Mensch nicht umhinkommt einzusehen. Alles Wissen führt weder zur ultimativen Erkenntnis noch zur dauerhaften Befriedigung. Der Mensch bleibt ein rastloser, fragender Wanderer auf dem Weg zum Sinn und zu sich selbst. Für den mit sich und der Welt hadernden Doktor soll es jetzt der Teufel richten. Und (...) schickt seinen ratlosen Gelehrten auf den Drogentrip. 

Da in Zeiten des postdramatischen Theaters die Bühne kein Raum ist, in dem einfach Stücke nacherzählt werden, wie sie irgendwo geschrieben stehen, ist auch der auf zwei Stunden gekürzte Trierer "Faust" Destillat wie Verdichtung. Um Fausts synthetischen Traum zu inszenieren, hat der junge Regisseur Ronny Jakubaschk eine Kombination aus Baugerüst und Karussell auf die Bühne gestellt, das gleichermaßen jenes enge Bretterhaus ist, in dem mittels der Kunst der ganze Weltkreis ausgeschritten wird, wie die wahnvolle Innenwelt von Fausts drogenvernebeltem Kopf. Darin kämpfen Gottvater und Satan. Der Theaterdirektor überlegt, wie er seine Stücke "bedeutsam, aber gefällig" hinbekommt (eine in Trier hochaktuelle Frage). Gretchen singt unschuldig ihren "König von Thule" und die Hexennacht-Party rockt, kreischt und glitzert (Musikalische Leitung: Bastian Brandt). Jakubaschk hat eine satirische Collage mit Musik- und Gesangseinlagen geschaffen, deren Ebenen sich durchdringen und in deren Zentrum das Gretchenmotiv steht. Bunt, bisweilen schrill und satirisch geht es darin zu. Manche Figuren dieses Bühnen-Panoptikums wirken geradezu wie expressionistische Ausrufezeichen. Trotz seines Tempos behält das Stück seine Dichte. Manchmal wird es allerdings ein wenig wirr auf der Bühne, so wie im richtigen Wahn. Hochengagiert ist das junge exzellente Ensemble bei der Sache. Der 30jährige Tilman Rose ist ein moderner, junger Wissenschaftler, der mit seinen Grenzen hadert und sich gleich zu Beginn mit dem Erdgeist (Juliane Lang) ein neckisches Kämpfchen liefert. Eine der schönsten Szenen des Stücks.

Wohltuend unpathetisch wirkt dieser Faust und - wie Frischverliebte so sind - rührend unbeholfen in seiner Verliebtheit. Herausragend: André Meyer als Mephisto. Der Neuzugang vom Wiener Burgtheater gleicht weniger einem durchtriebenen Teufel, als einem gefallenen, ernüchterten Engel, der begriffen hat, dass die Hölle auf Erden liegt. Julian Michael Boines Gottvater ist denn auch ein wohlmeinender väterlicher Herr in Hosenträgern, den seine Menschenfreundlichkeit zum Clown macht. Als Gretchen spielt sich Gina Haller einmal mehr die Seele aus dem Leib. Ihre Verzweiflung verschlägt ihr bisweilen die Stimme und dem Zuschauer den Atem. Claudio Gatzke ist als Marthe ein veritables Teufelswerkzeug: falsch, gierig und jederzeit bereit zu buckeln und zu schleimen. Bleibt noch das Trio der toughen Erzengel Nadia Migdal, Ronja Oppelt und Gitte Reppin. 

Am Ende erwacht Faust erleichtert aus seinem Traum. Nicht gerade die Art Erlösung, die Goethe vorschwebte, aber eine sehr realistische. Nicht wer immer strebend sich bemüht, sondern wer beizeiten wieder runter vom Trip kommt, wird hier gerettet. 

Eine interessante, konsequent in Szene gesetzte und durchaus unterhaltsame Inszenierung ist Jakubaschks "Faust". Das Publikum im gut besetzten Haus bedankte sich mit anhaltendem Beifall.

opus kulturmagazin

 

Der klassischste unter den klassichen Stoffen, so heißt es im Programmheft, das das Theater Trier zur Premiere von "Faust I" herausgibt. Goethes wort- und weisheitsgewaltiges Lebenswerk wird in Trier zu einem surrealen Gedankenspiel. Tilman Rose als Faust wandelt mit goldener Krone, die er sich selbst aufgesetzt hat, durch ein Baugerüst, dessen Vorderseite ein gewaltiger Schattenriss seines Hauptes ziert. Dieser ebenfalls "gekrönt" durch den Ring eines Jahrmarktskarussells.

Das Bühnenbild, ebenso wie die Kostüme machen offensichtlich, worum es im Stück geht: Faust ist nicht auf einer Reise

durch das Außen, sondern durch das Innen. Mephisto, gespielt vom neuen Ensemblemitglied André Meyer, geleitet ihn durch sein eigenes (Unter-)Bewusstsein. Dort begegnet er Figuren, die sein Innerstes widerspiegeln: das kindlich-ungestüme (Ronja Oppelt), das weltabgeklärte Alter (Claudio Gatzke), das beißende Gewissen (Gitte Reppin), und nicht zuletzt das liebende Herz in Gestalt von Gretchen (Gina Haller). Faust und seine Alter Egos, schön verdeutlicht durch die Kostüme, die leichte Abwandlungen voneinander sind, klettern im Baugerüst seines Kopfes auf und ab. Jeder auf seine Weise ist beeinusst durch Fausts Handlungen: Faust schluckt ein Tränklein Mephistos, Reppin und Julian Michael Boine, der mit Hemd und

Hosenträgern einen überbraven Gottverschnitt gibt, ersticken fast an dem Gebräu. Faust lässt sein schwangeres Gretchen zurück, Gretchen fällt vom Glauben ab, Boine bricht zusammen. In einem letzten Versuch, Faust zur moralischen Umkehr zu zwingen, wird er von Mephisto symbolisch niedergestochen. Gott ist tot. Seine Totenmaske ist eine gesichtslosmachende Strumpfhose, die er sich über das Haupt zieht. Im Verlaufe des Stückes merzen Faust und Mephisto so alle Teile von Fausts Bewusstsein aus. Faust macht im Kopf Tabula rasa, erwacht geklärt, geläutert, ohne Gewissen, ohne Reue, ein neuer Mensch. Herausragend, weil eben nicht wie erwartet, ist die Rolle des Mephisto. André Meyer macht aus dem Geist, der stets verneint, einen raubeinigen, gewaltverströmenden Grobian. Mit Gauklerhose und gekrempeltem Hemd ist er eine Mischung aus Knastbruder und Relikt einer längst vergangenen Zeit. Eine allgegenwärtige, spürbare Bedrohung, der sich der selbstherrliche Faust nicht bewusst wird. Ebenfalls bemerkenswert ist das Gretchen von Gina Haller, nicht naiv, sondern schüchtern, kann sie ihrem Liebesglück nicht trauen. Ihr Körper kann soviel Glück und Gefühl auf einmal gar nicht fassen, sie zuckt und windet sich vor lauter Liebe. Nicht sanft und zart, sondern in sich gekehrt und weltverschlossen, lässt sie sich auf Fausts Spiel ein und verliert auf ganzer Linie: Die Mutter vergiftet, das Baby ertränkt, sie selbst zerfällt. Im Ende bleiben auch für sie nur die Strumpfmaske und der Rückzug in den hintersten Winkel des Baugerüsts, wo die anderen schon warten.

Die Inszenierung von Ronny Jakubaschk ist durchdacht. Wunderbar die Details im Spiel, dass immer surrealer und kindlicher wird. Das Baugerüst-Geturne erinnert bald an Spielplatz und verstärkt so die Absurdität und Weltferne der Handlung. Scheinbar hat nichts Konsequenzen, es bleibt eben alles ein Gedankenspiel.

trierischer volksfreund

 

.Es ist sehr unterhaltsam (...) Man muss im Grunde genommen den Kopf abschalten und einfach mal genießen (...) alles so wunderbar und ergreifend gespielt, dass ich sagen würde, da zeigt sich die wahre Qualität des Regisseurs.

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