Sich in einer zweieinhalbstündigen Inszenierung keine Sekunde gelangweilt zu haben, das ist doch schon was, das ist sogar sehr viel.Wenn auch die Vaudeville-Komödie „Das Sparschwein“ Eugène Labiches, uraufgeführt 1864, von vornherein einiges Amüsement versprach. Aber die Geschichte von Provinzlern

in der Großstadt Paris hat natürlich trotzdem einiges Moos angesetzt, das zu entfernen Regie (Ronny Jakubaschk), Dramaturgie, Ausstattung und Schauspielern des E.T.A.-Hoffmann-Theaters oblag.

Und man kann sagen, dass ihnen das vortrefflich gelungen ist, ohne zwanghaft zu modernisieren

oder intertextuell zu montieren. Das liegt zumgroßenTeil daran, dass das „Sparschwein“ keine Tür-auf-Tür-zu-Komik birgt, die vielleicht lustig ist, doch an der Oberfläche bleibt. Nein, das Stück in der hier verwendeten Übersetzung Botho Strauß’ legt sehr schön das Movens der bürgerlichen Gesellschaft bloß. Es ist Geld, Geld und nochmals das Geld. Sagt doch eine Figur nach fortgeschrittener Handlung in ehrlicher Selbsterkenntnis: „Das Geld hat uns zu Boden gestreckt.“

Schon das titelgebende Tier weist auf den Fetisch des Hochkapitalismus, der auch die menschlichen Beziehungen beherrscht: Als Félix (auch in anderen Rollen Daniel Seniuk) bei Champbourcy (Florian Walter) umdieHand von dessenTochter Blanche (Anna Döing) anhält, bezeichnenderweise, als der

Geld zählt, ist das entscheidende Kriterium das Vermögen des Freiers. 

Die Fahrt der Provinzler nach Paris,wo sie den Inhalt des vom Kartenspiel gespeisten Sparschweins auf den Kopf hauen wollen, gerät zur Katastrophe. Es ist ein Gang vor die Hunde. Im Restaurant geneppt,

von der Polizei schikaniert, landen sie ganz unten, bis ein Deus ex machina auftaucht und sie rettet.Womit? Natürlich mit Geld. Darin verwoben sind geheime Leidenschaften und kleine Gaunereien, sind sich die Kleinstädter doch auch im normalen Leben alles andere als grün.

Ausstatterin Annegret Riediger hat mit geschminkten Gesichtern das (Charakter-)Maskenhafte der Figuren noch betont. Die Kostüme, etwa das Derb-Bäurische des Colladan oder das Altjüngferliche der Léonida, karikieren die Rollen. Das eher spartanische Bühnenbild kommt mit wenigen Elementen aus und stilisiert klug die Schauplätze. 

Ganz vortrefflich wieder die Schauspieler. Florian Walter darf hier als pompös posierender Provinzler sein komisches Talent voll ausspielen, Eckhart Neuberg und wieder einmal Katharina Brenner stehen ihm in nichts nach. Besonders zu loben sind jedoch die jungen Mitglieder des Ensembles, das sich mittlerweile richtig eingespielt hat. Die kleine Anna Döing als lispelnde, verhalten lüsterne Blanche sieht man besonders gern. Spitzenleistungen in Mehrfachrollen liefern Daniel Seniuk, Pascal Riedel (u.a. als

Bauernsohn mit Kunstambitionen Sylvain) undNicolas Garin.

Zu einer richtigen Vaudeville-Komödie gehört dieMusik. Christoph Iacono hat fröhlich hüpfende Rhythmen

auf der Basis bekannter Chansons komponiert, mit einem Musette-Akkordeon und viel Pfiff. Also trällern unsere Heldinnen und Helden „Je veux“ von Zaz, „Padam Padam“ von Edith Piaf, Charles Trenents 

„Boum“, „Parole Parole“ von AlainvDelon undvDalida und viele andere.

Ach ja,mehr als einmal stimmen die provinziellen Spießer das Revolutionslied „Ça ira“ an, eine Selbstparodie, etwa so,wie wenn die Rolling Stones sich heute als Rebellen gerieren würden.

„Das Sparschwein“ ist eine Schmunzelkomödie ohne krachenden Humor und mit nur gelegentlich

aufschimmerndem Wortwitz – den herrlichen Einfall mit dem grammatisch originell radebrechenden Polizisten einmal ausgenommen. Doch eignet ihr zumal in dieser gelungenen Inszenierung durchaus

tiefere Bedeutung.

der fränkische beobachter

 

Dass dieses gepuderte Septett schon in der Eingangsszene ausgerechnet die Revolutionshymne „Ah, ça ira, ça ira“ anstimmt, mutet ein wenig paradox an, ist aber durchaus konsequent, denn das Aufknüpfen von Aristokraten gehört noch heute zu den gut gepflegten Nostalgiethemen des französischen Bürgertums. Vaudevilles leben von Verwicklungen und deren bisweilen überraschenden Auflösungen: dass am Ende ausgerechnet jene Protagonisten zueinander finden (besser: finden müssen), die sich zuvor in herzlicher Abneigung gegenüberstanden oder allenfalls Mitgiftillusionen hegten, ist quasi Normalität. Und die sarkastische Note ist nicht zu überhören, wenn der liebeshungrige Cordenbois und die ältliche Léonida am Schluss befinden, ihre Liegenschaften und Aktien passten doch eigentlich gut zusammen. Regisseur Ronny Jakubaschk hat sich

für diese „Komödie mit Chansons“ eine schnelle Abfolge von Szene und Musik ausgedacht. Musikalisch müssen

fast alle ran, und sie tun es mit respektablem Stimmvermögen und gutem Französisch. Einzelne Hervorhebungen könnten insofern ungerecht anmuten, aber es sei trotzdem gewagt: Nicolas Garin, multifunktional beschäftigt als Kellner, Concierge und Chef eines Verkupplungsbüros, singt so souverän und fegt so virtuos über die Bühne, dass es eine Freude ist. Auf Aktualisierungen verzichtet die Inszenierung weitgehend, aber der Blick auf’s Männerpersonal ist deutlich zeitgeistig geprägt, denn die nehmen sich recht transgenderhaft aus. Während die beiden Frauen (brillant: Anna Döing und Katharina Brenner) im Reifrock herumwirbeln, müssen die Männer affektiert umherstolzieren.

Ein kurzweiliger Abend ist garantiert, und wer demnächst in Ostoberfranken ein Sparschwein zu knacken hat, braucht nicht bis nach Paris zu fahren, sondern sollte sich auf nach Bamberg machen.

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